Der Tourismus nimmt in der Gesamtwirtschaft einen so bedeutenden Rang ein (dies bestätigen auch die eingangs vermerkten Zahlen), dass eine Isolierung von anderen Sparten unmöglich ist. Marketingmethoden sind in praktisch allen Branchen üblich. Würden wir darauf verzichten, so entstünde ein krasser, daher äußerst schädlicher, ja untragbarer Niveauunterschied gegenüber den anderen Wirtschaftszweigen. Unerträglich wäre ein solcher Niveauunterschied vor allem auch deshalb, weil Urlaubsreisen durch andere Güter und Leistungen ersetzbar sind und tatsächlich oft ersetzt werden. So steht die Urlaubsreise ständig in Konkurrenz mit größeren und großen Anschaffungen für den Haushalt, für Kleidung, für die Motorisierung (etwa das Zweitauto, das Ferienhaus). Vor Jahren - um nur ein solches Beispiel zu nennen - warb eine Gemeinschaftswerbung für Tapeten unter dem Motto “Im Urlaub die Tapeten wechseln”. Das über die direkten (physischen) Lebensbedürfnisse hinaus frei verfügbare Einkommen unserer Interessenten ist das Ziel von Angeboten aller Wirtschaftszweige! Das Tourismusangebot steht also in schärfster Konkurrenz.
Marketing für den Tourismus muss daher eigenständig und von hoher Qualität sein, um die Stellung auf dem Markt zu halten und womöglich zu vergrößern. Der weltweit intensivierte Wettbewerb der Anbieter touristischer Leistungen erzwingt geradezu fortlaufend ein immer umfassenderes Instrumentarium, sodass Marketing für den Tourismus in zwischen eine sehr eigenständige und vorrangige Position einnimmt.
Noch um 1970 gliederte der amerikanische Marketing-Spezialist Ph. Kotler die verschiedenen Anwendungsbereiche des Marketings in 5 Hauptgruppen, ohne den Tourismus selbständig zu nennen:
I. Produkt-Dienstleistungs-Marketing
- Gebrauchsgüter-Marketing
- Verbrauchsgüter-Marketing
- Dienstleistungs-Marketing
II. Organisations Marketing
- Unternehmens-Marketing
- Behörden-Marketing
- Kulturorganisations-Marketing
- Marketing für Schutz- und Wohlfahrtsorganisationen
III. Personen-Marketing
- Politiker-Marketing
- Ruhm - und Beifallsmarketing
- Qualifikations-Marketing
- Eindrucks-Marketing
IV. Raum- bzw. Orts-Marketing
- Wohnungs-Marketing
- Standort-Marketing
- Grundstücksinvestitions-Marketing
- Touristen-Marketing
- Nationales-Marketing
V. Sozial-Marketing
- Gemeinschaftsaufgaben-Marketing
- Sozialprogramm-Marketing
Danach hätte das Fremdenverkehrswesen lediglich ganz oder teilweise Anteil an den Untergruppen “Dienstleistungs-Marketing”, “Unternehmens-Marketing”, “Ruhm- und Beifalls-Marketing” (denken wir beispielsweise an Festspiele, sportliche Veranstaltungen und Erfolge, wobei diese Hinweise die breite Skala der Möglichkeiten bestenfalls andeuten können). Im vierten Hauptabschnitt ordnete Kotler dem Tourismus-Marketing sogar eine eigenständige Unterposition, aber nicht mehr, zu. Schließlich berühren auch die Angaben zum fünften Hauptbereich, “Sozial-Marketing”, Belange heutiger Bemühungen für den Tourismus.
Marketing für den Tourismus ist unzweifelhaft inzwischen eine ebenso eigenständige wie bereits sehr große, kaum mehr überschaubare Disziplin geworden. Diese Verselbstständigung ergibt sich sogar auch anhand der Schilderungen von Kotler. Er schreibt nämlich u. a. wörtlich:”Vor 1933 bemühten sich lediglich zwölf Mitgliedsstaaten der USA, ein staatlich unterstütztes Programm zu entwickeln, da sie für Touristen attraktiv machen sollte. Heute betreibt jeder Staat unsere Nation Touristen-Werbung.”Die täglichen Bemühungen unserer Zeit - von Erdteilen, Staaten, Staatengruppen, Gebieten, Interessensgruppen, Unternehmen usw. - belegen hingänglich die
inzwischen vollzogene, aber noch immer sich verstärkende und profilierende Eigenständigkeit der Marketingarbeit für den Tourismus. Erdteile, Staaten, Gebiete, Interessensgruppen, einzelne Anbieter streben durch zeitgemäßes Marketing nach dem “Platz an der Sonne”.
